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Valan-Pfad

Ein Kapitel aus dem Buch

 November 2020, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.

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Es ist Nachmittag. Anna, Hannelore und ich verstecken uns am Anfang des Valan-Pfades in einem Gebüsch.
»Also dann, Noel. Auf in das Abenteuer!«
Mit Hannelore unter dem Arm und langsamem Schritt schleichen wir uns durch die Büsche, bis wir außer Sichtweite des Dorfes sind.
»Ist das nicht das Symbol des kleinen Lucas? Hat er sich noch nicht weiter getraut?« Anna kichert und kniet sich vor die wie ein Hammer geformten Steine. Dann richtet sich ihr Blick auf eine andere Steinansammlung. »Noel! Schau dort drüben. Das ist der von Annika. Die Beiden sind wirklich noch nicht weit gekommen.«
»Heute schaffen wir es! Wir werden endlich sehen, wie die Welt hinter dem Wald aussieht.«
»Und Hannelore wird in dieser Welt freigelassen!«, ergänzt sie und zeigt mit dem Finger in die Luft.
Dass wir Hannelore mitgenommen haben, gefällt mir nicht. Es fühlt sich an wie Betrug. Wir haben unseren Eltern versprochen, dass wir sie für das Dorffest aufopfern. Aber Anna von ihrem Plan abzuhalten ist unmöglich. Genauso wie sie von den sechs Gottheiten zu überzeugen.
Wir schlendern weiter den Valan-Pfad entlang. Insgesamt zwanzig Mal habe ich diesen langgestreckten Weg schon betreten, um den Wald zu erkunden. Jedes Mal habe ich mich weiter hineingetraut. Aber heute ist es das erste Mal, dass Anna und ich es gemeinsam probieren. Dadurch ist es angenehmer und ich fürchte mich nicht. Sie strahlt so eine unglaublich ansteckende Fröhlichkeit aus.
»Anna! Warte kurz!«, Sie hält inne und ich deute auf einen Busch am Wegesrand. »Schau! Diesen Strauch habe ich beim letzten Mal gefunden. Er sieht anders aus, als die üblichen Sträucher. Ist er dir auch schon aufgefallen?«
»Oh! Gib mir einen Moment.« Sie nähert sich dem Gewächs, um es sich genauer anzusehen. »Das ist ein Nilidiri-Strauch. Mein Vater hat mir von ihm erzählt. Sie haben längliche dünne Blätter und wenn sie einmal gepflanzt wurden, wachsen sie unglaublich schnell. Erkennen kann man sie aber am besten wenn ihre blauen, leicht schimmernden Blüten blühen.«
»Ob diese kleinen grünen Beeren, die an dem Strauch hängen, wohl essbar sind?« Ich greife nach der Frucht.
»Haaalt! Nein!« Sie gibt meinen Fingern einen Klaps. »Die Beeren sind zwar essbar, aber Vater sagt, sie haben einen kleinen Nebeneffekt.«
»Nebeneffekt? Was denn für einen Nebeneffekt?«
»Naja, das sind Nilidiri-Beeren. Sie erzeugen negative Gefühle in dir. Du erlebst dann große Trauer, Hass oder Furcht.«
»Bei Stellux, das klingt gar nicht lecker!«
Das Beeindruckendste an Anna ist ihre schnelle Auffassungsgabe. Sie vergisst nur selten etwas, was sie einmal gelernt hat.
»Das ist einen Entdeckereintrag wert!« Ich packe mein kleines Notizbuch aus, das ich immer in der rechten Seitentasche trage.
»Geeenau! Die erste Entdeckung aus den Abenteuern von Noel und Anna.«
Mit einem Stift zeichne ich ein grobes Abbild des Nilidiri-Strauches in mein Buch und erkläre die wichtigsten Merkmale.
»Weiter geht’s!«, spornt mich Anna an. »Da draußen warten viele andere Entdeckungen auf uns.«
Hannelore bewegt sich kaum unter ihrem Arm. Sie hat ein hohes Vertrauen zu ihr. Anna pflegt sie, seit sie aus dem Ei geschlüpft ist, wodurch sie eine große Bindung entwickelt haben.
Einige Zeit später stoßen wir auf eine weitere Steinmarkierung. Anna schreitet mit großen Schritten auf die Steine zu.
»Da sind wir! Meine Herzmarkierung. Ab hier ist es für mich unbekannt. Wie weit bist du voraus?«
»Noch ein gutes Stück. Ich bin das letzte Mal bis zu einer Kreuzung gekommen.«
»Oh, stimmt. Du bist echt mutig!« Anna hält sich grinsend einen Zeigefinger an die Schläfe.
Im Moment habe ich eher das Gefühl, dass sie die Mutigere von uns beiden ist. Sie spaziert so glücklich und entspannt den Weg entlang. Wer weiß, was in den Tiefen des Waldes auf uns lauert.
»Zusammen brauchen wir keine Angst mehr zu haben!« Sie dreht sich um und sichtet die Strecke, die wir schon hinter uns gelassen haben. »Das Dorf ist wirklich gar nicht mehr zu sehen.«
Ich drehe mich ebenfalls um und erinnere mich daran, dass ich das letzte Mal den Rückweg nahezu gerannt bin. In der Nacht wirkte der Wald wie ein neues Areal. Mutter sagt immer, dass ich in der Dunkelheit unbedingt weiter an das Licht glauben soll. Stellux wird mich beschützen.
»Oh mein Gott! Was ist das?« Anna eilt los und entfernt sich vom Weg.
Wo will sie hin? Das wir uns vom Weg entfernen war nicht geplant. Ich folge ihr durch das Gestrüpp und weiche heransausenden Ästen aus, die durch Annas Bewegungen wie Peitschenhiebe in meine Richtung sausen. Dann halten wir auf einmal an.
»Das ist einfach unglaublich! So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.«
»Was für eine riesige Blume!«
»Wir haben eine neue Entdeckung gemacht! Zeit für den nächsten Eintrag, Noel!«, fordert sie mich auf und mustert im Anschluss den Fund. »Hüfthohe Blume. Vier lange, weiße Blütenblätter und ein rotes Blüteninneres. Wirklich schön!«
Anna setzt Hannelore ab und vertieft sich weiter in die Erscheinung der Blume.
»Ob sie immer so aussieht? Vielleicht ist sie durch die vier Blütenblätter ein seltenes Exemplar? Ist die Farbe sonst anders? Das ist nur auzuschließen, wenn wir mehr davon finden!«
Jetzt ist sie vollständig in ihrem Element. Ich trage die Pflanze in meinem Entdeckertagebuch ein und sie sucht die nähere Umgebung ab. Hannelore bewegt sich Schritt für Schritt hinter ihr her. Es sieht aus, als habe sie das Azurosa-Weibchen an einer unsichtbaren Leine.
»Mist! Ich finde keine Zweite! Wir müssen dem Pfad weiter folgen und die Augen offenhalten!«
Ich stimme ihr zu und wir wandern alle gemeinsam zurück zum Weg. Doch eine neue Entdeckung bleibt aus. Dafür erreichen wir endlich den Punkt, an dem ich zuvor umgedreht bin.
»Dort! Da ist die Kreuzung. Wir sind da.«
Es sieht genauso aus wie beim letzten Mal. Der Valan-Pfad führt uns weiter geradeaus und der andere Weg kreuzt ihn mit einer leichten Steigung.
»Hier ist deine Markierung.« Anna zeigt auf die Sonne aus Steinen. »Was machen wir jetzt? Gehen wir weiter oder nehmen wir den anderen Weg?«
»Auf diesem Weg zu bleiben ist die sichere Wahl. Schließlich müssen wir auf dem Rückweg dann nur geradeaus. Aber neugierig bin ich schon, was sich auf dem anderen Pfad verbirgt.«
Bevor wir uns entscheiden, wird das Gespräch durch ein leises Rascheln unterbrochen.
»Was ist das?«, flüstert Anna. Sie dreht sich in die Richtung, aus der das Geräusch kommt.
»Wir verstecken uns besser!«
Anna hebt Hannelore wieder auf und versperrt ihr den Schnabel. »Pssst! Du musst jetzt ganz leise sein.« Dann verschwinden wir hinter einem Gebüsch am Wegesrand.
Aufmerksam schauen wir uns um. Es ist bisher nichts zu sehen, aber das Rascheln wird durchgehend lauter. Mein Körper zittert vor Aufregung. Was passiert jetzt? Ist uns jemand gefolgt? Oder erwartet uns noch etwas viel Schlimmeres?
Am Rand des Weges erscheint letztlich eine Gestalt in der Ferne.
»Wer ist das?«, flüstert Anna.
Ich kenne diese Silhouette. Der Bogen, die ledernen Schulterplatten und der lange graue Bart sind ein eindeutiges Zeichen.
»Das ist Torwald! Was hat er vor? Ob er zu den Wölfen geht?«
»Wir folgen ihm und finden es heraus!«
»Meinst du das ernst? Was ist, wenn er uns entdeckt?«
»Hannelore und ich sind Meister in der Schleichkunst.« Anna rückt vorsichtig vor und nimmt die Verfolgung auf.
Das ist eine Lüge. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich es nicht schaffe, sie von ihrem Plan abzuhalten. Es bleibt mir keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Die Aufregung in mir steigt. Was hat Torwald vor? Kennt er einen Weg aus dem Wald?

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